Story of my life #28

Alles hat ein Ende…
Im Sommer 1995 war es soweit. Schule war gewesen, die Abiprüfungen überstanden und die Zukunft konnte kommen. Ich hatte trotz meiner beachtlichen Weitsichtigkeit (rein auf das Sehvermögen bezogen) die Musterung mit einer T2 Einstufung über mich ergehen lassen und war nunmehr in der glücklichen Lage, mich nicht ad hoc für einen weiteren Lebensweg entscheiden zu müssen. Die Verweigerung des Kriegsdienstes war akzeptiert worden und auf den Exerzitien (Tage religiöser Orientierung) 1994 hatte ich mich um eine Zivistelle in der Jugendburg Gemen bemüht. Bis dahin war noch reichlich Zeit und die nutzten wir nach den Abiprüfungen ausgiebig zum Feiern. 

Unsere Jahrgangsstufe war in mehreren Gruppen ganz ordentlich zusammengewachsen. Die meißten Jungs würden genau wie ich erst mal ein Jahr lang in den Staatsdienst treten und das im Umfeld von Coesfeld und so war das Gefühl, dass jetzt das gewohnte Umfeld auseinanderfallen würde, nicht sonderlich präsent. Eigentlich war das alles durch meine Brille betrachtet eine ziemlich sorgenfreie Zeit und damit meine ich das aus dem Rückblick heraus. Natürlich empfand ich, so wie es mein Wesen war, das recht turbulente Beziehungsreigen als außerordentlich belastend. Gemessen an dem, was als Problem im weiteren Leben auf einen wartet, war das aber ziemlicher Kindergeburtstag, auch wenn die Berg- und Talfahrten der Hormone die klare Sicht auf die Dinge vernebelte. (Was für ein Geschwurbel darum, dass ich mal wieder tief im Liebeskummer steckte 😉 )

Der Ausweg daraus war aber auf einer Tramptour nach Münster mit Mike und Tobias schnell gefunden. Am Aasee sitzend und ein Bier trinkend dachten wir darüber nach, was wir mit unserer freien Zeit bis August/September anfangen konnten. Ich hatte den Job bei Steiner drangegeben und war froher Erwartung des Zivildienstes, da dieser besoldet wurde und das im Vergleich zu dem, was ich bisher zur Verfügung hatte, gar nicht mal schlecht. Mein Erspartes war kurz zuvor für die Schwalbe draufgegangen und so bedeutete die Idee, die dann im Raum stand, zusammen InterRail zu machen, für mich erst mal die Suche nach einem Job.

Dieser fand sich in Form einer Mitfahrgelegenheit nach Münster zur LVM-Versicherung mit deinem Nachbarn. Hier konnte ich zunächst eine Woche in der Poststelle (Oh Gott, was für `ne Langeweile) und dann zwei Wochen in der Mikroverfilmung (auch langweilig, aber hier lief wenigstens ein Radio) für 10 Mark die Stunde arbeiten. Der Urlaub war geritzt. Apropos Radio. In diese Zeit fiel noch ein großes Ende mit neuem Anfang. WDR 1 stellte sich im Frühjahr 1995 zu 1Live um und ich konnte schon bald sagen, dass mir das nicht gefiel. Ich hatte WDR1 als Wegbegleiter meiner Jugend lieben gelernt und nun startete das runderneuerte Programm mit einer weniger ernsthaften „jugendlicheren“ Attitüde. Genauso lästig wie die Musik der Charts aus dieser Zeit war dann auch die Heavy Rotation und flapsige Moderation. Adieu Genuss-Radiohören!

So arbeitete ich drei Wochen, hatte mein Geld zusammen und freute mich auf die Tour d‘ Europe, die zur Legendenbildung taugen sollte An meinem letzten Arbeitstag, einem Freitag, sollte es losgehen. Ich hatte mir für den halben Tag Arbeit den Carina meines Vaters leihen können, um schnell und unabhängig nach Hause fahren zu können und dann mit Mike von Enschede aus gen Südfrankreich zu starten. Am Abend zuvor hatte ich noch in der Fabrik die sich abzeichnende Abfuhr Deluxe bekommen und so war die Heimfahrt von Münster am nächsten Tag, begleitet von dem folgenden Lied, der Startschuss mit der nötigen Portion Energie und Furor, den ich während der halbstündigen Fahrt in ohrenbetäubender Lautstärke zur seelischen Tiefenreinigung und positiven Aufladung für die kommenden vier Wochen mir selbst gab.

Was für ein göttliches Stakkato Geballer, was für ein großer Refrain, was für eine sensationelle vertonte Abfahrt in die Zukunft!

Fear Factory – Self Bias Resistor