Story of my life #38

Den wichtigsten Dienst habe ich mir aufgespart, um ihn als letzten zu beschreiben, denn, auch wenn Küchen-, Hausmeister-, und Gärtnerdienst alle durchaus in guter Erinnerung geblieben sind (ja, auch der Gärtnerdienst auf seine Weise), das, was die Zeit an der Burg am meisten ausgemacht hat, war die Abendzeit.
Ich wohnte ja auf der Burg und mit mir noch zwei weitere Zivis, die Haushälterin, der Kaplan und der Leiter der Einrichtung. Hinzu kamen die Gäste und, bei Bedarf, das Pädagogenteam. Die Tage waren alle programmatisch gefüllt für die Gäste und mit Arbeit für die Zivis. Die Abende waren dann für viele zur freien Verfügung. Je nach Gruppe versammelten die Gäste sich dann zu einem Schlummertrunk auf ihre Zimmer (nicht wirklich erlaubt) oder man fand sich im Partykeller der Burg ein, um diesen dort zu sich zu nehmen.

Für einen Zivi war damit ein Dienst verbunden. Der Spät- und Wochenenddienst begann montags nachmittags um halb 5 mit der Übernahme der Burgwache, der Rezeption. Hier war man dann Ansprechpartner für die Gruppen für alle möglichen Belange. Gertränkebestellungen und -lieferungen in Gruppenräume, Schlüsselausgabe, Telefondienst, Auffüllung des Cola-Automaten (btw 0,3 Liter Cola-Glasflaschen sind die einzig wahren Gebinde dieses Gesöffs) etc. Nach dem Abendessen dann wurde auf Wunsch der Gäste der Burgkeller geöffnet und durch den Zivi bewirtet. Über eine eingebaute kleine PA konnten diese Abende zu ordentlichen Partys aufgeblasen werden, wenn das Alter der Gäste, die Betreuer und die Stimmung das zuließen. Gegen halb eins war dann Ende, der Burgkeller wurde aufgeräumt und abgeschlossen und anschließend drehte man als Diensthabender, mit Generalschlüssel und Stabtaschenlampe bewaffnet, noch eine Kontrollrunde über das gesamte Gelände, wobei alle Türen und Gemeinschaftsräume kontrolliert wurden und das schloss den nur funzelig beleuchteten Dachboden mit ein. Die Tour war im Taschenlampenlicht nicht unspooky, aber auch häufig ganz spaßig, wenn man mitbekam, wie bei den Schulklassen das „Bäumchen wechsle dich“ stattfand und mehr oder weniger resolute Lehrkräfte diesem Herr zu werden versuchten (Sex, Drugs & RnR, was Tobias bisweilen in meinen Schilderungen vermisst, fand hier mitunter statt 😉 ).

Für die an der Burg lebenden Zivis waren die geselligen Abende im Burgkeller willkommener Anlass, nicht auf dem Zimmer die Zeit totzuschlagen, sondern den Getränkevorrat der Burg zu dezimieren und Musik zu hören. Sobald die Partys im Dunstkreis gewisser Teamer / Leiter aus Münster stattfanden, wurde die Musik dominiert von den „Party Power Packs“, einer Samplerreihe, die noch vor den „Fetenhits“ die üblichen Verdächtigen der 70er und 80er Jahre versammelte. Dummerweise gefielen mir als Zivi und DJ in Personalunion auf den CDs andere Lieder als den meisten, ich konnte aber mit dem überwiegenden Teil der ollen Kamellen gut leben. Damit ihr wisst, wovon ich rede, hier die Top Ten:
• Come on Eileen – Dexys Midnight Runners
• I’m so excited – Pointer Sisters
• Relight my fire – Dan Hartman
• It’s raining men – The Weather Girls
• A walk in the park – Nick Straker Band
• Black Betty – Ram Jam
• Walking On Sunshine – Katrina & The Waves
• Time to wonder – Fury in the Slaughterhouse
• Rama lama ding dong – Sharpe, Rocky & The Replays
• Entre dos tierras – Heroes Del Silencio
Im laufe der Zeit konnte ich in dem Reigen Gott sei Dank einige eigene Songs etablieren, wovon ins Besondere Björks „It’s Oh So Quiet“ ein wirklicher Gewinn war. Ein für mich epochaler Abend (außer dem jetzt folgenden geschah da noch mehr…) brachte mir durch einen Gast aber eine Erweckung, die sich nach und nach bei mir zu einem handfesten Fantum auswuchs.

Wer schon mal als DJ gearbeitet hat weiß um den Fluch und Segen von Musikwünschen. Entweder sie öffnen einem das Tor zum Geschmack und Herz der Anwesenden und sind ein Gewinn für die Party, oder man hat es mit Musik zu tun, die einem selber die die Zehennägel nach innen wachsen lässt. Hinzu kommt, dass der Unmut derer, die nicht in den Genuss des gewünschten Songs kommen, sich im lautstarken skandieren des The Smith Songs „Panic“ (Hang the DJ, Hang the DJ, Hang the DJ…) äußern konnte. So musste ich eines Abends den Wunsch einer jungen Dame, etwas von „The Jester’s Race“ von In Flame zu spielen, zurückweisen, was diese mit ordentlicher Trauermiene quittierte und stante pede alles und alle sch…e fand. Nicht falsch verstehen, die Schweden sind super, aber auf einer Party mit Anwesenden zwischen 16 und 50 Jahren reichlich deplatziert.

Zurück zum Gück! Die Abiturienten und Abiturientinnen des Schlaun Gymnasiums hatten in ihren Reihen neben dem Feiervolk („Eine Insel mit zwei Bergen“ von Dolls United war ihre Abihymne) auch Leute mit Geschmack (Knik-Knak). Ein hagerer, lustiger Typ aus Münster, mit dem ich mich gut unterhielt, bewies das durch eine Musikempfehlung und eben einen Musikwunsch, der mich zunächst, wie damals bei TOOL, gar nicht direkt verhaftete. Aber die Macht, mit der mich in Folge dieses Abends „Dummy“ von Portishead ergriff war phänomenal. Ich war kein „Visions“ oder „Musikexpress“ Leser und so ist mir die Welle namens Trip-Hop gar nicht bekannt gewesen. Deren Vorreiter waren Massive Attack, Tricky und eben Portishead. Durch ihr Gespür für zutiefst melancholische Sounds und durch Frontfrau Beth Gibbons eroberten sie mein Herz im Sturm und lassen mich bis heute auch nicht los. Unvergessen ist ins Besondere ihr Bizarre Festival Auftritt im leichten Nieselregen…Geht es noch passender? Leider ist der Output dieser begnadeten Truppe recht spärlich, so dass man sich mit drei Alben und einem Livemitschnitt in 25 Jahren begnügen muss. Trotzdem… Mein lieber Herr Kanalarbeiter! Was für ein emotionale Vollbedienung. Für die unter Tränen das erste Mal im Cinema in Münster aufgesogene Liveversion von „Roads“ (das Kino zeigte vorab den Livemitschnitt vom Konzert im Roseland Ballroom in New York mit Orchester) werde ich ewig dankbar sein.

Portishead – Roads