Story of my life #58

Wenn einer eine Reise tut.
Als Sommersemesterabschlussfahrt folgte 1997 eine erneute „Tour d’Europe“. Die équipe rekrutierte sich aus wackeren Streitern der Abiturientia 1995. Da war zum einen der Rechtsverdreher, dessen Frisur zu diesem Zeitpunkt noch der des Schwalbengottes Valderama glich, dem lebenslangen Freund gleicher Größe, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sein Glück in Reagenzgläsern und Erlenmeyerkolben zu suchen und mir. Zurückblickend muss ich sagen, dass diese Konstellation, die sich zufällig einstellte, ein Glücksfall war. Unkompliziert und entspannt sollte sich der geplante Ausflug in die nähere und entferntere europäische Nachbarschaft begeben. Aber von vorn.
Aachen eignet sich zum Start in den Interrailurlaub perfekt. Der Vaalser Bahnhof ist nahverkehrstechnisch Kurzstrecke und mit dem Ticket für zwei Zonen in der Kombination Frankreich/Be/Ne/Lux + Italien/Griechenland war unser nicht vollständig geplanter Ausflug mit ausreichend Reichweite ausgestattet. Primärziel war erst einmal Florenz. Um mit dem gekauften Ticket dort hinzukommen war als Zugroute Aachen-Vaals-Brüssel-Paris gesetzt. Dabei wurde in Vaals und Brüssel jeweils umgestiegen. In weiser Voraussicht hatte ich Kaffeefan einen bei Xenos für einen schmalen Taler erworbenen Espressokocher am Rucksack festgeschnallt, für den ich anfangs durch die Mitstreiter noch müde belächelt wurde. Dieser klimperte mit dem ganzen Schnallenkram ganz ordentlich beim umherlaufen rum und hatte einen leichten Nervfaktor beim Hetzen von einem Bahnsteig zum nächsten. Nachdem wir den zweistündigen (?) Aufenthalt im Brüsseler Hauptbahnhof totgeschlagen hatten, ging es weiter nach Paris. Wir hatten die Reisezeit so gewählt, dass wir morgens in Paris ankamen und so konnten wir im Bummelzug von Brüssel nach Paris schön pennen.
Auf Schusters Rappen haben wir dann, nach Einschluss des Gepäcks in Schließfächer, einen Ausflug durch Frankreichs Zentrum unternommen. Dieser ergab sich auch dieses mal so, dass wir am Gare du Nord ankamen und Montparnasse weiterfahren mussten. Ich erinnere mich zwar nicht mehr konkret, aber ich denke, wir haben die Klamotten in Montpanasse eingekerkert, so dass wir nicht erst noch vor der Weiterfahrt nach Süden durch ganz Paris tingeln mussten.
Ich war damals das dritte Mal in Paris und eigentlich nicht wild auf viel Sightseeing. Damit war ich nicht allein und so ist das Einzige, woran ich mich erinnere, dass wir eine längere Rauchpause am Arc de Triomphe einlegten und uns dem wahnwitzige Spurengekreuze der Verkehrsteilnehmer amüsiert zuschauten. Hiervon existiert ein Analogselfie, auf dem wir ungewaschen und übernächtigt, auf einer Bank sitzend, jung und verwegen, in eine Einwegkamera grimassierten. Die Erinnerungen an dieses auf wundersame Weise nicht durch ständiges Blechkrachen, wohl aber Hupen und Reifenquietschen, begleiteten Schauspiels, haben mich bleibend beeindruckt. Jahre später, als ich mit dem Auto in Paris war, wollte ich Ampelregelung gewohnter Verkehrsteilnehmer auf keinen Fall in dieses ungermanische Chaos eintauchen, nur um mich dann trotzdem darin unter Schweißausbrüchen und Herzrasen wiederzufinden.
Wir hatten dann für abends einen Nachtzug von Paris Richtung Genua im Liegewagen/Schlafwagen reserviert und jetzt kommt eine Lücke im Hirn, die ich nicht zu füllen weiß. Irgendwo an Italiens Küste rund um Genua sind wir aus diesem Zug ausgestiegen und irgendwie auf einem vom ADAC als gut befundenen Campingplatz gelandet. Dieser lag an einem Hang und die Plätze waren terrassiert. Wie Mulis bepackt, bekamen wir hier einen Platz für eine Nacht und legten das drei Mann Iglu-Zelt zusammen, dass auf unsere Rucksäcke aufgeteilt war. Jetzt endlich kam mein Espressokocher zum Zug, dem ich mit einem aus dem Chemielabor der Ex-Schule dauerentliehenen Bunsenbrenner ordentlich einheizte. Der anfänglichen Häme über das vermeintlich überflüssige Utensil wich jetzt großer Dankbarkeit für einen frisch gebrühten starken Kaffee. Dieses Ankommens – Ritual sollte sich auf den folgenden Campingplätzen wiederholen.
Einen Strandtag und zwei Übernachtung später (?) ging es weiter mit einem Bummelzug, der an der italienischen Mittelmeerküste entlang Richtung Süden fuhr und uns einen Zwischenstopp in Pisa ermöglichte. Pisa. Jeder kennt den Ort ob seiner grandiosen Bauexperimente, aber vielmehr als ein lustiges Fotomotiv konnte man dem Ort nicht abgewinnen. Also flugs ein paar Schnappschüsse a la „Halt mal den Turm fest“ gemacht und wieder rein in den Zug. Etwas später waren wir dann im toskanischen Zentrum Florenz angekommen und machten uns auf einen schweißtreibenden Marsch zum Campingplatz, der etwas oberhalb der Stadt liegt. Dieser Campingplatz war schon Zwischenstation auf der Radtour durch die Toskana, die ich mit 16 erleben durfte. Dem Spaziergang durch diese großartige Stadt, der die Uffizien und sonstige mit Eintrittspreisen belegte Sehenswürdigkeiten links liegen ließ, folgte ein selbst zusammengesetztes Abendmahl auf dem Campingplatz in Form eines ordentlichen, selbst zusammengekippten Thunfischsalats, zu dem Cheb Khaled seinen Hit des Jahres 96/97 beitragen durfte. „Aicha“ unterbrach dabei das Eurodance – Radioeinerlei, dass der Campingplatz absonderte, irgendwie catchy und angenehm.
Khaled – Aicha